„Dieses Projekt ist für uns
unbedingt notwendig“

St. Leonhards Bürgermeister Elmar Haid und Tourismusverbands-Obmann Rainer Schultes erläutern, wie sehr das Pitztal auf eine touristische wie wirtschaftliche Weiterentwicklung angewiesen ist.

Herr Bürgermeister, Herr Schultes, welche Chancen sehen Sie für das Pitztal im Zusammenschluss der Gletscherskigebiete?

Elmar Haid: Langfristig gesehen ist die Skischaukel die einzige Chance für unsere Gemeinde. Wir haben die Tourismusaktivitäten sehr konzentriert und kompakt am Ende des Tals. Der geplante Zusammenschluss der Gletscherskigebiete erfordert 58 Hektar Pistenfläche auf Gletschern, während die gesamte Gletscherfläche von St. Leonhard und Sölden 9.500 Hektar beträgt. Es geht also um rund 0,6 Prozent der Gletscher, die im Zuge des Zusammenschlusses touristisch genutzt werden sollen. Von einer großflächigen Verbauung kann keine Rede sein! Dieses Projekt ist für uns aus wirtschaftlicher Sicht unbedingt notwendig.

Rainer Schultes: Ich sehe im Zusammenschluss gewaltige Chancen für das Pitztal und darin die nötige Initialzündung, die wir brauchen. Ich bin sicher, dass wir im Pitztal davon stark profitieren werden, und sehe die Möglichkeit, dass wir einen kräftigen Schub hin zu mehr Qualität schaffen können. Vor allem für die nächste Generation bietet das Projekt eine echte Perspektive. Gerade dem Pitztal, wo der Tourismus erst 30 Jahre später als in anderen Regionen Einzug gehalten hat, muss man eine Weiterentwicklung zugestehen.

Wie beurteilen Sie die touristische Entwicklung des Pitztals in den letzten 10 Jahren?

Rainer Schultes: Die touristische Entwicklung im Pitztal stagniert! Wir konstatieren in den letzten zehn Jahren einen Bettenrückgang. Nur durch gewaltige Anstrengungen der Betriebe, des Tourismusverbands und der Bergbahnen ist es gelungen, die Anzahl der Gäste trotzdem einigermaßen konstant zu halten. Aber die Entwicklung ist nicht so, wie sie sein sollte. Es fehlt der Impuls für Investitionen im Tal.

In Sichtnähe: Pitztaler Gletscher und das Gletscherskigebiet des
Ötztals liegen in unmittelbarer Nachbarschaft.

Mit welchen infrastrukturellen Mängeln haben die Bürger von St. Leonhard zu kämpfen?

Elmar Haid: Unsere nächste Apotheke ist in Arzl (33 km, Anm.), wir haben kein richtiges Lebensmittelgeschäft und die nächste Tankstelle ist in Wenns – das sind alles Umstände, die man im städtischen Bereich nicht kennt, wo alle paar hundert Meter ein Supermarkt steht. Aber auch das Rettungssystem ist eine Riesenherausforderung. Wir haben zwar einen Rettungsstützpunkt, der von Freiwilligen betrieben wird, aber damit kann keine durchgehende Einsatzbereitschaft garantiert werden. Bei uns kann es sein, dass man eine Stunde auf die Rettung warten muss!

Seit 2018 läuft das Regionalwirtschaftliche Programm (RWP) im Pitztal. Welchen regionalwirtschaftlichen Herausforderungen sieht sich die Gemeinde St. Leonhard gegenüber?

Elmar Haid: Das Pitztal gilt als strukturschwaches Gebiet in Tirol. St. Leonhard kämpft mit der Abwanderung. Wir haben aktuell mit 1.385 Einwohnern so wenige wie seit über 30 Jahren nicht mehr. Entgegen den Prognosen früherer Raumordnungskonzepte, die uns als Entwicklungsziel einen Zuwachs auf 1.700 Einwohner im Jahr 2020 vorgerechnet hatten, sinkt die Bevölkerungszahl kontinuierlich. Wir haben im Zuge des Schulneubaus das Angebot einer ganztägigen Kinderbetreuung geschaffen, um junge Familien zu unterstützen. Wenn aber keine Arbeitsplätze im Tal da sind, nutzen diese Maßnahmen nichts.

Rainer Schultes: Das RWP hat eine gewisse Aufbruchstimmung erzeugt, ist aber natürlich nur ein kleiner Schritt in der Entwicklung des Tals. Jetzt wollen lokale Unternehmer über 131,6 Mio. Euro aus eigenen Mitteln in den ländlichen Raum investieren. Gleichzeitig wird andernorts viel Aufwand im Standortmarketing betrieben, um ausländische Investoren anzuziehen. Wer für wirksame Standortpolitik einsteht, muss in meinen Augen dieses Projekt unterstützen.

Kritiker befürchten Massentourismus im Pitztal. Welches touristische Konzept verfolgt das Tal?

Rainer Schultes: Wir wollen keinen Massentourismus im Pitztal. Allein schon unsere örtlichen Gegebenheiten lassen keinen Fokus auf eine übermäßige Bettenzunahme zu. Viel mehr wollen wir uns in Richtung Qualitätstourismus weiterentwickeln und ein adäquates Preisniveau erreichen. Dafür braucht es aber das entsprechende Angebot vor Ort.

Elmar Haid: Es gibt wohl in keinem anderen Tal so viel unberührte Natur wie im Pitztal. Die Gebirgszüge des Kaunergrats und des Geigenkamms sind weitgehend unerschlossen – und das soll auch so bleiben, dafür stehen wir. Der Naturpark und die Schutzgebiete spielen eine wichtige Rolle für uns. Wir haben außerdem für alle Ersatzmaßnahmen, die im Zuge des Zusammenschluss-Projekts notwendig sind, Flächen in der Gemeinde gefunden. Das sind insgesamt 54 Hektar, die wieder in den Naturschutz investiert werden.

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